01 Misshandlung im Vorschulinternat

Der folgende Bericht wurde von einem ehemaligen DomspatzenschĂŒler bereits 2010 verfasst. Er hat sich damals in einem achtseitigen Brief an den ehemaligen Domkapellmeister Georg Ratzinger gewandt. Eine Antwort hat er nie erhalten. Erst im MĂ€rz 2015 erhielt er als einzige Reaktion den Serienbrief von Generalvikar Fuchs in dem ihm 2.500,- € „in Anerkennung des erlittenen Leids“ angeboten wurden. Besonders beachtenswert ist die Schilderung der „Strafaktion“ im Beisein von Georg Ratzinger.

Misshandlung im Vorschulinternat der Regensburger Domspatzen in Etterzhausen

Aufgewachsen in Riedenburg, im beschaulichen, aber etwas abgelegenen AltmĂŒhltal, war ich als 11-jĂ€hriger Junge ein ziemlich kleines, schmĂ€chtiges Kind – ein „Grischperl“ wie man in Niederbayern damals zu sagen pflegte. Gegen Ende der dritten Klasse machten sich meine Eltern wohl Gedanken ĂŒber den weiteren schulischen Werdegang ihres Sohnes. Mein Vater leitete die örtliche AOK. Ich war kein schlechter SchĂŒler und der Aufbruchsstimmung der frĂŒhen 60-er Jahre entsprechend, sollte es eine weiterfĂŒhrende Schule sein. Die nĂ€chstgelegenen Gymnasien, in Ingolstadt und Regensburg, waren beide etwas ĂŒber 35 Kilometer entfernt. FĂŒr einen kleinen FahrschĂŒler schien dieser Schulweg zu weit. Deshalb empfahl der Klassenlehrer ein Internat. Das Internat der Domspatzen war billig und die kirchliche TrĂ€gerschaft entsprach dem Weltbild meiner Eltern, vor allem dem meiner Mutter. Folglich prĂ€sentierten mich meine Eltern in der Vorschule der Regensburger Domspatzen in Etterzhausen. Nach dem Vorsingen von „Großer Gott wir loben Dich“ war die Entscheidung gefallen. Ich sollte dort die vierte Volksschulklasse besuchen um anschließend auf das Gymnasium zu wechseln.
FĂŒr mich war das Jahr 1963 in Etterzhausen mein „Besuch in der Hölle“. In den letzten dreißig Jahren habe ich immer wieder, wenn zufĂ€llig das GesprĂ€ch darauf kam, im Freundes- und Bekanntenkreis Anekdoten ĂŒber meinen damaligen Aufenthalt erzĂ€hlt. Entweder habe ich unglĂ€ubiges Staunen geerntet, oder ich stieß auf gar nicht so wenige Leidensgenossen, die in Internaten in Dillingen, in Regensburg oder in St. Ottilien Ă€hnliches erlebt hatten.
Vor rund vier Wochen druckte die Aichacher Zeitung als Essay auf Seite drei die ganzseitige Schilderung eines Unternehmers aus Dietfurt. Er mĂŒsste vom Alter her zeitgleich mit mir bei den Domspatzen gewesen sein, ohne dass ich mich heute seiner erinnere. Er bringt seine Erfahrungen auf den Punkt, indem er retrospektiv feststellt, dass dieser Aufenthalt „die schlimmste Zeit meines Lebens“ war.
Ich dachte bisher, dass ich trotz aller Torturen diese Zeit relativ stabil und unbeschadet hinter mich gebracht hĂ€tte. Aber die VorgĂ€nge um Bischof Mixa und das mediale Echo der letzten Wochen nĂ€hren da erhebliche Zweifel. Vor allem, weil ich irritiert feststelle welche massiven HassgefĂŒhle in mir hochsteigen. Zwei Lehren habe ich fĂŒr mich aus dem Jahr bei den Domspatzen gezogen: Ich wĂŒrde eigene Kinder niemals in ein Internat geben. Diese Lehre grĂŒndet auf der Vermutung, dass diese geschlossenen Welten leicht entarten. FĂŒr Kinder, insbesondere fĂŒr die etwas sensibleren unter Ihnen, können solche lĂ€nger anhaltende Ohnmachtserfahrungen und die dabei erlebten GefĂŒhle Sicherheit und Selbstvertrauen nachhaltig zerstören. Als meine Tochter, wohl im gleichen Alter wie ich damals, in ihrer „Hanni-und-Nanni-Phase“ vom Internatsleben schwĂ€rmte, habe ich fast panisch reagiert und mit allerlei Argumenten Internate als Ausgeburt des Bösen verteufelt. Zum Zweiten hat dieser Aufenthalt mein VerhĂ€ltnis zur Katholischen Kirche auf Jahrzehnte verĂ€ndert. So mit zwanzig habe mich mit Kirchengeschichte, genauer mit den Verbrechen der Kirche, beschĂ€ftigt. Der damaligen Ablehnung ist eine tolerante GleichgĂŒltigkeit gewichen. „Wer will soll – ich brauche sie nicht“. In meiner beruflichen TĂ€tigkeit als Leiter eines kommunalen Alten- und Behindertenreferats habe ich viel mit Leitungen und Personal von kirchlichen Einrichtungen zu tun. Ich weiß, aus vielfĂ€ltiger Erfahrung, zwischen den dort tĂ€tigen Mitarbeitern, mit oft sehr hehren Motiven und der Institution Kirche, mit ihrem Streben nach Macht und KapitalanhĂ€ufung zu unterscheiden. Aber mein Misstrauen gegenĂŒber Heuchelei, bigotter Doppelmoral und ĂŒbertriebenen LoyalitĂ€ten begleitet mich nicht erst seit der aktuellen Missbrauchsdebatte.
Der Drill begann schon vor dem FrĂŒhstĂŒck. In Etterzhausen mussten wir SchĂŒler uns mehrmals am Tag in Zweierreihe anstellen; vor der FrĂŒhmesse gegen sechs Uhr, beim Gang zum FrĂŒhstĂŒck, vor dem Aufbruch zur Schule und nochmals am Abend, um zur Abendandacht zu gehen. Unbedingte Vorgabe war die Ausrichtung in Zweierreihen und absolutes Silentium. Losgehen durften wir erst, wenn absolute Ruhe herrschte. So standen mehrere Dutzend SchĂŒler oft 10 oder 15 Minuten lang in Zweierreihe im Flur, weil es einzelnen Kindern schwer fiel ihre GesprĂ€che einzustellen. „Ich kann warten. Dann bekommt ihr halt kaltes Essen.“ So der damalige Leiter Direktor Meier. Ich habe diesen schlanken, mittlerweile verstorbenen Pfarrer nur Brevier lesend in Erinnerung. Scheinbar in sein Buch oder ins Gebet vertieft, schritt er neben den wartenden SchĂŒlern auf und ab. Aus heutiger Sicht ist fĂŒr mich die Analogie zu einer Schafherde mit einem HĂŒtehund bestimmend. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Hunde lassen von einem Lamm wieder ab, sobald sich dieses in die Herde integriert. Ohne Vorwarnung und mit voller Wucht ausholend, schlug Meier urplötzlich das sicher kiloschwere Buch einem Kind auf den Kopf. Er konnte dabei total ausrasten und wie im Rausch drosch er mit dem Buch auf einen willkĂŒrlich ausgewĂ€hlten SchĂŒler ein, bis dieser zu Boden ging. Nicht selten zog er den verĂ€ngstigten Jungen daraufhin an den Haaren wieder hoch. Viele gingen auf diesen Steinfliesen zu Boden. Im RĂŒckblick, als Erwachsener, vermute ich, dass dieser Priester sein ausdauerndes Brevier lesen nur als Staffage vortĂ€uschte. Er war mit seinen Augen und Ohren ĂŒberall und diese Bestrafungsaktionen erfolgten in einer solchen HĂ€ufigkeit und das Ausmaß der Gewalt und die GeringfĂŒgigkeit der Taten, die als Vorwand fĂŒr seine PrĂŒgelorgien herhalten mussten, standen in einem krassen MissverhĂ€ltnis. Als Kind erleidet man diesen Missbrauch. ErklĂ€ren kann man ihn sich nicht. Heute, ĂŒber vierzig Jahre spĂ€ter, kann ich nur extreme Perversionen als ErklĂ€rungsmuster fĂŒr solch ein Verhalten finden. In letzter Zeit .habe ich mich öfters gefragt, wie hĂ€ufig diese ZĂŒchtigungen vorkamen. Ich denke, dass kein Tag ohne dieses Ritual verging.
In den ersten Wochen meines Aufenthaltes wurden wir als Ministranten ausgebildet. Mein Fleiß beim Erlernen der lateinischen Gebete muss dem Ernst der Aufgabe nicht angemessen gewesen sein, denn als ich das erste Mal zum Ministrieren der FrĂŒh-messe eingeteilt wurde, hatte ich deutliche TexthĂ€nger. Mein Pech war, dass der andere Ministrant weder textlich noch in seinem Wissen ĂŒber Ablauf der Messe besser Bescheid wusste als ich. Meier drehte sich wĂ€hrend der laufenden Messe zu uns um und schrie mich an: „Trag das Buch rĂŒber!“. Ich zitterte fĂŒr den Rest des Gottes-dienstes. Nach der Messfeier, in der Sakristei, gab er mir eine Ohrfeige, dass ich gegen einen Schrank flog. Dann mussten ich und mein Leidensgenosse, der soweit ich mich erinnere N.N. (Name liegt der Red. vor) hieß, die Lederhose herunterlassen. Der Schul- und Internatsleiter griff sich einen Bambusstock und drosch auf mein GesĂ€ĂŸ ein. Er schlug mich solange, bis der Bambusstock brach. Wobei das Verb „Schlagen“ den Vorgang eher verniedlicht. Er prĂŒgelte in seiner Wut auf uns ein. Dann bekam ich zur Strafe die Auflage, die Messliturgie 100 Mal abzuschreiben. In meiner kindlichen Schrift benötigte ich etwas mehr als vier Seiten um das „Ad Deum“ und“ das „Confiteor Deo omnipotenti“ und die weiteren Gebete abzuschreiben. Die nĂ€chsten drei, vier Wochen durfte ich nicht an Freizeitstunden teilnehmen. Die Gebete sind mir heute, 3 Jahrzehnte spĂ€ter, immer noch gelĂ€ufig. Wegen diesem fehlenden Lerneifer hatte ich als elfjĂ€hriger „ErsttĂ€ter“ eine Strafarbeit von rund 450 Seiten auferlegt bekommen. Auch fĂŒr die pĂ€dagogisch sicher rigideren Prinzipien der 60-er Jahre ist dies ein ungewöhnliches Strafmaß.
Uns wurde in unzĂ€hligen Situationen vermittelt, dass wir sĂŒndige und schlechte Menschen seien. Unsere armen Eltern und der liebe Gott mĂŒssten sich ob all unserer Schlechtigkeit grĂ€men. So waren die monatlichen Elternbesuchstage fĂŒr unsere Kinderseelen ein ambivalentes Ereignis. Einerseits waren diese Besuche die einzige BrĂŒcke in eine Welt außerhalb des mit einem Stacheldraht bewehrten InternatsgelĂ€ndes; andererseits erinnere ich mich der Angst, Meier oder der Klassenlehrer (der einzige der nicht prĂŒgelte) oder der Chorleiter wĂŒrden gegenĂŒber den Eltern meine Vergehen beklagen. Wir durften das InternatsgelĂ€nde, außer zu gelegentlichen Zahnarztbesuchen, nicht verlassen. Radio und Fernsehen war verboten und Briefe unzensiert nach Hause zu schreiben, war ein schlimmes Vergehen. Sonntags, nach der FrĂŒhmesse musste jeder SchĂŒler einen Brief an seine Eltern verfassen, der, angeblich um Rechtschreibfehler zu korrigieren, vom Erzieher gegengelesen wurde. Ich habe erlebt, dass ein Junge, der sehr unter Heimweh litt, seine Eltern bat, ihn zu besuchen. Meier hat den Brief vor versammelter Klasse vorgelesen und dann demonstrativ zerrissen. So war ich jedes Mal verwundert, wenn mich Meier am Besuchssonntag auf RĂŒckfrage meiner Eltern, als guten und braven SchĂŒler beschrieb. Bei einem dieser Besuche blĂ€tterte mein Vater in den Schulheften auf meinem Schultisch und ihm fiel der Stapel Strafarbeit in die HĂ€nde. Er fragte mich verwundert, was das denn sei und ich gestand mein Versagen beim Ministrieren. Da nahm mein Vater die wohl zwei- bis dreihundert Seiten, die ich bis dahin gefertigt hatte, und ging mit mir zu Meier. Mein Vater war erbost, und verlange Rechenschaft, wie der Internatsleiter dazu kĂ€me einem Kind solch eine unmenschliche Strafarbeit aufzuerlegen. Ohne eine Antwort abzuwarten, bestand er darauf, dass ich nicht mehr ministrieren mĂŒsse. Meier gab sofort nach und in der Folge war ich der vermutlich einzige Domspatz, der keine Messdienste mehr zu leisten hatte. Die Freude wĂ€hrte nur kurz und war alles andere als ein Privileg. Von MitschĂŒlern bekam ich den Spitznamen „Teufelsministrant“. Kinder in diesem Alter können unerbittlich sein.
Als Kind hatte ich eine starke, in den Symptomen körperliche Aversion gegen Fleischspeisen. Meiner Mutter war es in den Jahren zuvor schwer gefallen mit meinem Essverhalten zurechtzukommen. Ich liebte die Freitage mit sĂŒĂŸen Mehlspeisen. Bei Schweinefleisch und Wurst bekam ich Brechreiz und stellte mich quer. Bei den Domspatzen war dieses Verhalten die Quelle einer Leidensgeschichte. An sich stellten die Mahlzeiten die schönste Zeit in der streng geregelten Tagesstruktur in Etterzhausen dar. WĂ€hrend des Essens war ein Junge als Vorleser eingeteilt. „Robinson Crusoe“, „Lederstrumpf“ und andere JugendbĂŒcher waren im Laufe des Jahres TischlektĂŒre und vertauschten die trostlose Welt in der wir lebten, mit fernen LĂ€ndern und ein Leben voller Abenteuer. Als Meier gewahr wurde, dass ich meinen Teller nicht leerte, wenn Fleischgerichte angeboten wurden, kam er regelmĂ€ĂŸig an meinem Tisch und kontrollierte ob ich alles verspeiste. Die erste Zeit saß ich regelmĂ€ĂŸig eine Stunde lĂ€nger als alle anderen im Speisesaal vor einem StĂŒck Fleisch, vor dem mir graute. Eine Zeit gelang es mir andere rechtzeitig dafĂŒr zu gewinnen, meine Fleischportion mit zu verzehren. Als er dies erfuhr, musste ich alleine an einem kleinen Tisch unterhalb des Podiums, auf dem der Tisch der LehrkrĂ€fte stand, essen. Heimlich und unbemerkt steckte ich das Fleisch regelmĂ€ĂŸig in meine Hosentasche und log, ich hĂ€tte aufgegessen. Mein Schwindel wurde nicht bemerkt und ich durfte wieder meinen alten Platz einnehmen.
Die Leitung der Domspatzen in Regensburg und insbesondere der damalige Kapell-meister, Georg Ratzinger legen in letzter Zeit, nachdem die Verbrechen des Herrn Meier ruchbar wurden, großen Wert darauf, die EigenstĂ€ndigkeit der Einrichtung in Etterzhausen zu betonen. Es seien ihm (Ratzinger) zwar GerĂŒchte und ErzĂ€hlungen ehemaliger Zöglinge der Vorschule zu Ohren gekommen. Er hatte aber weder Kenntnisse noch Einfluss. Im Interview mit der Passauer Neuen Presse versteigt er sich zu der Aussage er sei froh gewesen, als 1980 die PrĂŒgelstrafe als Erziehungsmittel verboten wurde.
„Leid getan haben mir die betroffenen Opfer, deren körperliche und seelische IntegritĂ€t verletzt wurde“…. „Bei uns im Haus ist ĂŒber diese Dinge nie gesprochen worden. Das Ausmaß dieser brachialen Methoden von Direktor M. war mir nicht bekannt. Wenn ich gewusst hĂ€tte, mit welch ĂŒbertriebener Heftigkeit er vorging, dann hĂ€tte ich etwas gesagt. NatĂŒrlich – heute verurteilt man es umso mehr, als man sensibler geworden ist. Auch ich tue das. Gleichzeitig bitte ich die Opfer um Verzeihung.“
Zur RealitĂ€t: Es war ein besonderes Privileg. Die VorschĂŒler durften zusammen mit dem bereits damals international renommierten Hauptchor eine dreitĂ€gige Konzertreise per Sonderzug nach Garmisch Partenkirchen, ins Kloster Ettal, und auf die Zugspitze unternehmen. Wir logierten in der Jugendherberge in Farchant vor Gar-misch. In dieser Herberge gab es als Hauptgericht einen Schweinebraten. Ich stopfte das Fleisch, wie gewohnt, heimlich in die Hosentasche um es spĂ€ter zu entsorgen. Dabei wurde ich von Meier beobachtet. Er sprang auf und kam drohend vom Lehrertisch zu mir her. Dann schleifte er mich an den Haaren zu seinem Esstisch zurĂŒck und hob mich an den Haaren hoch, dass ich ĂŒber dem Boden schwebte. Anschließend schlug er mich wie besessen, wo immer er mich treffen konnte, bis er nach wohl einem Dutzend SchlĂ€gen erschöpft aufhörte. Im großen Speisesaal war es totenstill. Ratzinger saß daneben und das Bild hat sich in mein Gehirn eingegraben wie schlecht verheilte Narben in einem jugendlichen Körper. Er lachte. Er hĂ€tte die AutoritĂ€t gehabt, seinem Kollegen Einhalt zu gebieten. Es war mindestens Feigheit, wohl eher bewusstes kumpelhaftes Einvernehmen. Jetzt zu behaupten in der einzigen Filiale der Domspatzen seinen ĂŒber zwei, drei Jahrzehnte Dinge geschehen, die ihm „nicht bekannt“ waren ist eine Verhöhnung der damaligen SchĂŒler und Opfer. Da wird die Bitte um Verzeihung zur berechnenden Phrase.
Ich habe in Etterzhausen viele Gewaltexzesse aber keine sexuellen Übergriffe erlebt. Allerdings erinnere ich mich an ein seltsames Ritual. Am Ende des Flures, welcher die SchlafsĂ€le mit der Heimkirche verband, gab es einen Waschraum mit mehreren Reihen Waschbecken. Nach der Abendandacht mussten uns bettfertig machen und in Schlafanzughose zur Abendtoilette antreten. Meier stand Brevier lesend im TĂŒrrahmen um jedes Kind auf Sauberkeit zu kontrollieren. Die ersten drei SchĂŒler hatten kaum eine Chance beim ersten Versuch diesen Sauberkeitscheck zu passieren. So schielten alle zur TĂŒre um nicht erster aber doch unter den ersten zehn Jungs zu sein. Man hatte vor Meier die ZĂ€hne zu fletschen, musste die HandflĂ€chen ausstrecken, dann die HandrĂŒcken zeigen. Anschließend galt es den rechten und den linken Fuß mit den HĂ€nden anzuheben um die Sauberkeit der Fußsohlen zu demonstrieren. Meier griff dann an den Gummi der Schlafanzughose, zog diese vom Körper weg und kontrollierte – ja was denn – das ist mir bis heute nicht klar. Er ließ den Gummi zurĂŒckschnellen und fĂ€llte sein Urteil: zurĂŒck zum Waschbecken oder in den Schlafsaal. Dort durften wir noch lesen, bis zehn oder fĂŒnfzehn Minuten spĂ€ter das Licht ausgeschaltet wurde.
Neben den tĂ€glichen Chorproben durfte jeder Domspatz ein Instrument erlernen – Klavier oder Geige. Pro Woche gab es eine feste Unterrichtsstunde und obligatorisch war die tĂ€gliche halbe Stunde ĂŒben. Es gab acht bis zehn kleine Zimmer, die sich an einem Flur aufreihten und die im Wechsel von den „Virtuosen“ belegt wurden. Jede TĂŒre war mit einem Spion versehen. Meier schlenderte, Gebete lesend, den Flur auf und ab. Verstummte in einem Zimmer das Spiel, spĂ€hte er durch den Spion um den Grund der Spielunterbrechung zu ermitteln. Sah er ein Kind, das die Zeit im Übungs-raum absaß ohne zu ĂŒben, stĂŒrmte er ins Zimmer und es hagelte Strafen. Je nach Stimmungslage verteilte er Watschen oder er zog an Haaren und Ohren. Mir ist das im Jahr sicher an die zwanzig Mal passiert.
SchlĂ€ge gab es fĂŒr alles und nichts. Ein Junge hatte ein kleines Transistorradio, wie er in den Sechzigern in Mode kam. In diesen Monaten gelangten die ersten Songs der Beatles zu PopularitĂ€t. Diese Musik zu konsumieren war uns strengstens untersagt. Ich erinnere mich, dass wir zu viert, im Garten, hinter einer Hecke versteckt, „I want to hold your hand“ lauschten. Nach unserem VerstĂ€ndnis und den von der Leitung propagierten Werten war es eine schlimme SĂŒnde solch eine Musik zu konsumieren oder gar zu huldigen. Da entdeckte uns der Musiklehrer, wenn ich mich richtig entsinne, ein Herr Erkes oder Eckes. Er zog uns an den Ohren ins Haus und dort nahm uns Meier in Empfang. Es hagelte SchlĂ€ge.
Es war ein despotisches, gewalttĂ€tiges und in seinen Handlungen schwer kalkulier-bares Regime, dem wir Kinder schutzlos ausgeliefert waren. Aber was dieses Regime von Straflagern, wie ich sie aus der Literatur kenne, unterschied, war die subtile Art, mit der diese Übergriffe als notwendig fĂŒr unser Seelenheil dargestellt wurden. Wir wurden so lange schlechtgeredet, bis wir jede Strafe als gerecht und gottgegeben akzeptierten. Symptomatisch war der Umgang mit den vorpubertĂ€ren ZĂ€rtlichkeiten dieser Jungs, fern der WĂ€rme ihrer ElternhĂ€user. Ich wurde einmal im Bett eines Jungen aus dem AllgĂ€u entdeckt. Wir lagen unter der Bettdecke und ich kann mich gar nicht erinnern, dass dies eine explizit sexuelle Komponente hatte. Es war noch das Alter in dem Onanie keine Rolle spielte und Doktorspiele der höchste Ausdruck des Interesses fĂŒr einen anderen Körper darstellten. Ein PrĂ€fekt, der mich nĂ€chtens in dieser Situation ertappte, ließ mich und den anderen Jungen stundenlang im Flur stehen.
In den Ferien versuchte ich meine Eltern zu ĂŒberzeugen, mich aus dem Internat in Etterzhausen zu nehmen. Nach einem Jahr hatte ich Erfolg und durfte als FahrschĂŒler auf ein „weltliches“ Gymnasiums wechseln. Ich dachte, meine Klagen hĂ€tten den Ausschlag fĂŒr diesen Schulwechsel gegeben. Letzte Woche erzĂ€hlte mir mein 84-jĂ€hriger Vater, der BĂŒrgermeister von Peintling hĂ€tte sie damals angesprochen und ĂŒber die menschenunwĂŒrdigen Bedingungen in Etterzhausen erzĂ€hlt. Das hat sie damals bewogen einen Schulwechsel vorzunehmen.
Meine tiefreligiöse Mutter ist in diesen Tagen verunsichert. Ohne es direkt anzusprechen, stellt sie mir verklausulierte Fragen wie die damaligen Übergriffe ausgesehen hĂ€tten. Dahinter steckt wohl die Angst, ihr Kind wĂ€re damals Opfer pĂ€dophiler Pfarrer gewesen. Dies wĂ€re nach ihren Wertvorstellungen ein Supergau. Gewalt ist weniger stigmatisiert. Es scheint fĂŒr die gegenwĂ€rtige Diskussion symptomatisch, dass sich die Eltern von Opfern eher grĂ€men etwas falsch gemacht zu haben als mancher TĂ€ter, der zynisch und eitel herumlĂŒgt. Den Bischof meiner neuen Heimatregion Augsburg wĂŒrde ich, trotz der gebotenen Unschuldsvermutung, dieser Kategorie zuordnen.
Kurz, in den letzten Wochen wird mir diese lĂ€ngst ĂŒberwunden geglaubte Angst und DemĂŒtigung wieder gegenwĂ€rtig. Weder der Bruder des Papstes noch die heutige Leitung haben deutliche Worte gefunden, konkret zu benennen, wie unter dem ruhmreichen „Label“ dieses Knabenchors Kriminelle mehrere Jahrzehnte ihre Verbrechen ausĂŒben durften. Es gibt viel „Weihrauchsbetroffenheit“ die ein klares Bild vernebelt.
Ich werde wohl ein Leben lang diese Erfahrungen in mir tragen. Aber Ich erwarte keine Entschuldigung. Mein Misstrauen ist heute so groß, dass ich sie schwerlich als glaubhaft akzeptieren wĂŒrde. Missbrauchsbeauftragte sind fĂŒr mich keine Partner des Dialogs. Seriös wĂ€re fĂŒr mich eine strafrechtliche Aufarbeitung wie sie jedes andere Verbrechen auch nach sich zieht. Aber die Taten sind verjĂ€hrt. Meier ist tot und die Taten seiner Gehilfen sind mir nicht mehr so detailgetreu prĂ€sent.
Einen ernstgemeinten und sehr deutlichen Wunsch habe ich an die heute Verantwortlichen. Geld ist in unserem Rechtssystem das Äquivalent zur Abgeltung von Unrecht. FĂŒr die Kirche gelten da keine anderen MaßstĂ€be. FĂŒr mich selbst wĂŒnsche ich kein Geld. Aber die Diözese Regensburg und die Domspatzen sollen ein Zeichen setzen. Ich möchte, dass die acht Kinder aus der Jugendhilfeeinrichtung Schrobenhausen, die, so der Sonderermittler Knott, wohl großes Unrecht erfahren haben, je € 1.000,- als Spende erhalten. Dies kann ohne Anerkennung einer Schuld erfolgen. Diese Menschen haben viel Zivilcourage und BĂŒrgersinn gezeigt, als sie trotz der Bezichtigung LĂŒgner zu sein, ihre eidesstattlichen ErklĂ€rungen Aufrecht erhielten. Sie haben den Stein ins Rollen gebracht. Damit wĂ€ren jegliche Forderungen meinerseits abgegolten.