„Ihr Kinderlein kommet …“

Für die Mißbrauchsopfer war es wieder mal ein Schlag ins Gesicht. Der Mann, der ihnen so viel angetan hat, wieder in der Öffentlichkeit. – Aber nicht einfach so, denn das wäre höchstens ein Anlass für ungute Gefühle. Nein, erst der Empfang beim Bürgermeister von Kaufbeuren, dann der Gang zur Kirche über öffentliches Straßenland im vollen Priesterornat, noch dazu ganz in Weiß, eben wie ein Unschuldslamm.
Spitzfindige (Kirchen-) Juristen werden wahrscheinlich genügend Argumente dafür finden können, dass das ja alles formalrechtlich in Ordnung sei. Aber ist das auch moralisch in Ordnung? Der Mann, der bis heute so tut, als ob er nie ein Unrecht begangen hat, demonstriert mit diesem Auftritt diese seine Haltung auch noch in aller Öffentlichkeit und das im Namen einer Institution, die uns regelmäßig auch ungefragt vorschreiben will, was die richtige moralische Einstellung ist.
Kein Einspruch von einem der zuständigen Bischöfe, kein Hanke, kein Müller, kein Ackermann meldet sich zu Wort. Dabei tönen und dröhnen sie doch sonst so eilfertig, wenn sie ihre angeblichen Leistungen für die Missbrauchsopfer ins Licht der Öffentlichkeit stellen wollen.
War es am Ende vielleicht doch der sorgfältig geplante Testfall, frei nach dem Motto: wenn keiner was merkt, dann kann Pfarrer Sturmius Wagner ja wieder in den aktiven Dienst zurückkehren, in irgendeiner kleinen abgelegenen Pfarrei, in der die Leute froh sind, wenn sie überhaupt wieder einen Pfarrer haben? Da würde es gut passen, dass in den bisherigen kirchenrechtlichen Vorermittlungen die Eichstätter Opfer ausgeklammert wurden. Denn als Sturmius Wagner bei den Regensburger Domspatzen tätig war, war er noch Student, kein Geistlicher. Und wenn er sich als Geistlicher nichts hat zu Schulden kommen lassen, dann könnte er ja unbedenklich wieder eine Pfarrstelle übernehmen.
Zu weit hergeholt ? Wohl leider nicht, es sei an die eigenen Worte des Sturmius Wagner in einem Zeitungsinterview (Oktober 2004) erinnert, auf die schon an anderer Stelle hingewiesen wurde: „Na ja, es gibt kein Sündenbewusstsein mehr …“, er hat damals nur vergessen zu erwähnen, dass er sich damit selbst gemeint hat.
Und so steht zu befürchten, dass es wohl das letzte Weihnachtsfest gewesen ist, bei dem er nur am Rande stehen durfte. Irgendeine verwaiste Gemeinde wird sich dann darüber freuen dürfen, dass er in Zukunft das alte Weihnachtslied wieder mitsingen darf, ganz gleich ob mit oder ohne Hintergedanken: „Ihr Kinderlein kommet …“